Karriere
Willensstärke ist das A und O
aus: AHGZ-Druckausgabe Nr. 2012/14 vom 31. März 2012
von Daniela Haußmann
Stuttgart. Das deutsche Küchenwunder zieht Kreise, was Restaurantguides bestätigten. Zehn Meisterköche schafften es beispielsweise in der aktuellen Michelin-Ausgabe in die 2-Sterne-Klasse. Insgesamt gibt es jetzt 32 Restaurants in Deutschland, die sich mit zwei Sternen schmücken können. Außerdem neun Restaurants mit drei Sternen und 208 mit einem Stern. So viele, wie nie zuvor.
Doch was bedeutet Spitzengastronomie für die tägliche Arbeit? Und worauf legen Chefs Wert? „Bei einem Teller entscheidet sich in vier bis fünf Sekunden, ob er perfekt ist. Es geht um höchste Qualität“, sagt Tim Raue (Interview Seite A4). Gastgewerbliche Fachkräfte, die in der Spitzengastronomie Fuß fassen möchten, müssen also nicht nur über einen ausgeprägten Dienstleistungsgedanken verfügen, um den hohen Anforderungen gerecht zu werden, auch Leistungswille und die Bereitschaft zum ständigen Selbststudium sind in den Tophäusern der Branche unabdingbar. „Das A und O ist Willenstärke. Der Wille, sich zu behaupten, durchzukämpfen“, so Raue.
Die Trends kennen
Küchentrends entstehen, neue Zutaten und Rezepte werden erfunden. „Köche wie Servicekräfte müssen Freude daran haben, sich kontinuierlich weiterzubilden“, sagt Marc Schnierer, Sommelier in der Speisemeisterei in Stuttgart. Gäste erwarten in der Sternegastronomie eine professionelle und umfassende Beratung, wollen verwöhnt werden. „Ich will den Gästen ein Erlebnis bieten, an das sie sich lange erinnern“, sagt etwa Brian LcLaren, Oberkellner im Gourmetrestaurant Silberdistel im Sonnenalp Hotel&Resort Ofterschwang.
Dazu gehört profundes Fachwissen: „Ob Whisky, Wein, Cognac oder Tee, Servicemitarbeiter müssen über die Besonderheiten der verwendeten Produkte genau Bescheid wissen“, so Schnierer. Mehr noch: „Gäste fragen auch nach Zubereitung oder Herkunft der Zutaten.“ Letztlich geht es in Service und Küche darum, eine Marke, nämlich das jeweilige Restaurant, zu repräsentieren. „Eigentlich sind es die Beschäftigten, die für das Marketing des Betriebs zuständig sind“, sagt Schnierer.
Fachkräfte, die in der Gourmetgastronomie durchstarten wollen, sollten sich aus seiner Sicht nicht davor scheuen, auch privat ein Fachbuch in die Hand zu nehmen, um Anregungen zu erhalten. Das bestätigt Markus Eberhardinger, Küchenchef in der Speisemeisterei. „Es geht nicht darum, etwas zu kopieren, sondern darum, Inspirationen zu erhalten, wie die eigenen Möglichkeiten beim Kochen erweitert werden können.“
Eberhardinger hält es zudem für zwingend, dass gastgewerbliche Fachkräfte, die den Sprung in die Sternegastronomie schaffen wollen, eine brennende Leidenschaft für ihren Beruf mitbringen. Detailgenauigkeit und ein hoher Anspruch an die eigene Leistung sind für ihn – ebenso wie für andere Küchenchefs – grundlegende Eigenschaften, die Bewerber mitbringen sollten. Die Arbeitszeiten gelten zwar als hart, doch dafür gibt es einen Gegenwert. „Die Leute wissen, dass sie Teil des Ganzen sind. Jeder weiß, wann er Schluss machen kann. Jeder einzelne hat Verantwortung für seinen Posten, für den Einkauf, für seinen Urlaub“, so Tim Raue.
Gute Allgemeinbildung
Köche, die in die Sternegastronomie einsteigen wollen, müssen laut Claudio Urru, Küchenchef des Restaurants Top Air am Stuttgarter Flughafen, das Handwerk von der Pike auf gelernt haben. „Die Bewerber sollten zum Beispiel mal ein Wild selbst zerlegt haben“, sagt der Sternekoch. „So ist ein wertschätzender Umgang mit den qualitativ hochwertigen Produkten gewährleistet, die wir verwenden. Nichts wird verschwendet, sondern optimal weiterverarbeitet.“ Das sei notwendig, um kosten- und ertragsorientiert zu arbeiten.
Kreativität und das ständige Streben nach Perfektion sind Claudio Urru zufolge aus der Gourmetgastronomie nicht wegzudenken. „Immer geht es darum, das maximale aus den Lebensmitteln herauszuholen und sie zu veredeln“, so der Küchenchef. „Köche, die neu ins Team kommen und vorher noch nicht in einem Sternehaus gearbeitet haben, werden deshalb erst an die Warenkunde, den Umgang mit den Produkten und die Zubereitung herangeführt“, so Urru. Für Köche, die zuvor viel mit Convenience gearbeitet hätten, sei das mitunter eine echte Umstellung.
Raquel Plum, Restaurantleiterin des Restaurants Im Schiffchen, dem Düsseldorfer Spitzenbetrieb von Sternekoch Jean-Claude Bourgueil, legt Wert auf die Feststellung, dass gute Umgangsformen, Fremdsprachen und eine gute Allgemeinbildung für den Service in der gehobenen Gastronomie notwendig sind. Immerhin gebe sich in den Gourmetrestaurants ein internationales und akademisch geprägtes Publikum ein Stelldichein. Ebenso werde von Bewerbern ein hohes Maß an Teamfähigkeit verlangt. Das betreffe auch den ständigen Austausch zwischen Küche und Service. Immerhin fragen die Gäste schon mal nach, welche Zutaten ein Gericht enthält, wie die Menüfolge zustande kam oder unter welchen Bedingungen ein bestimmter Wein angebaut wurde.
Deshalb müssen Mitarbeiter, die in der Sternegastronomie erfolgreich Fuß fassen wollen, nach Einschätzung von Raquel Plum viel Liebe für die Produkte mitbringen. „Es geht nicht darum, dem Gast einfach einen Wein zu servieren. Man muss den Wein selbst kennen, um den Gast optimal beraten zu können“, so Plum. „Wir arbeiten in einem engagierten und leistungsstarken Team. Hier lernt ein Mitarbeiter vom anderen.“
Wer in der Sternegastronomie gearbeitet und sich dort bewährt hat, hat kaum Probleme, einen neuen Job zu finden. Das gilt auch fürs Ausland. Claudio Urru und Markus Eberhardinger bestätigen, dass die Arbeit in einem Sternehaus ein Aushängeschild für jeden Beschäftigten sei. Ähnlich sieht das Tim Raue, der seine Leute fordert und befördert: „Es ist ein natürlicher Gang in unserer Branche, dass gute Köche weiterziehen und Posten frei werden. Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln.“